Sonnenblicke auf der Flucht – KI als Ghostwriter

Kaum ein Begriff wird so häufig gebraucht und falsch interpretiert wie jener der Künstlichen Intelligenz (KI). Die einen verbinden damit Angst um den Arbeitsplatz – Hilfe! Wir werden von Robotern ersetzt! – die anderen fürchten sich davor, von Maschinen beherrscht zu werden. KI als Grundlage für düstere Science-Fiction-Szenarien. Häufig werden in der Diskussion über KI unterschiedliche Begriffe geschüttelt und gerührt (1). Das Ergebnis ist jedoch kein gut gemixter Martini, sondern ein Begriffswirrwarr. Teilbereiche wie „Maschinenlernen“, „tiefes Lernen“ oder Sprachverarbeitung werden mit dem Oberbegriff KI gleichgesetzt. Im schlimmsten Falle werden Assoziationen zum Terminator hervorgerufen. Seriöse Forscher zeigen dagegen auf, dass diese Horrorszenarien unbegründet sind. Die Zukunft mit KI ist weder Utopia noch eine Dystopie. Wir haben es selbst in der Hand, welche Rolle KI in Zukunft spielen wird (2).

Robowriter

Wie wird sich der Einsatz von KI auf das Ghostwriting auswirken? Heutige Schreibprogramme sind bereits intelligent. Vorausgesetzt, Intelligenz wird mit der Fähigkeit zum erkennen komplexer Zusammenhänge gleichgesetzt. Diesen Anspruch erfüllen handelsübliche Textprogramme. Sie erkennen Verstöße gegen die Rechtschreibregeln ebenso wie Grammatikfehler. Programme wie Papyrus Autor geben sogar stilistische Tipps. Im Journalismus zeichnen sich heute bereits Anwendungsbereiche für den Einsatz von KI ab. Einfache Nachrichten können als Meldung automatisch verbreitet werden. KI kann Texte verfassen, in denen die wesentlichen Informationen über ein Geschehn enthalten sind.

Sonnenblicke auf der Flucht

Auf welchem texterischen Niveau sich KI bereits heute bewegt, zeigt das Gedicht „Sonnenblicke auf der Flucht“. Das Gedicht wurde von einer KI verfasst. Es wurde bei einem Gedichtwettbewerb eingereicht. Abschließend in eine gedruckte Anthologie aufgenommen und dadurch geadelt.

Die Lyrikerin Ulla Hahn fragte neulich in der FAZ (3), ob die Konkurrenz durch Computern den Menschengeistern das Handwerk legen wird. Was die Dichterin bewegt, darf auch den Ghostwriter beschäftigen. Meine klare Antwort auf die gestellte Frage lautet: nein! Ein modernes Gedicht wie „Sonnenblicke auf der Flucht“ könnte jeder Zweijährige erstellen. Vorausgesetzt, dass man ihm Papierschnipsel mit einzelnen Wörtern zum Spielen gibt. Meiner Ansicht nach muss in naher Zukunft kein Ghostwriter fürchten, von einer KI ersetzt zu werden. Dazu bedarf es einer sehr großen Wissensexplosion innerhalb der KI. Zudem sollte eine Ghostwriter-KI in der Lage sein, auf unvorhersehbare Situationen zu reagieren und echte Kreativität zu zeigen. Es ist unwahrscheinlich, dass eine KI in absehbarer Zeit einen Text genau nach den Vorgaben einer menschlichen Person schreibt. Anders gesagt – das Programmieren würde so viel Arbeit und Zeit erfordern, dass der Mensch den Text auch gleich selbst verfassen kann.

 

Quellen:

(1) t3n-Redaktion (2019). https://t3n.de/news/ai-machine-learning-nlp-deep-learning-776907/

(2) Tegmark, Max. Leben 3.0. Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz. https://www.amazon.de/Leben-3-0-Zeitalter-Künstlicher-Intelligenz/dp/3550081456/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=ÅMÅŽÕÑ&keywords=leben+3.0&qid=1567184123&s=gateway&sr=8-1

(3) Hahn, Ulla (2018). Vernunft ist auch eine Herzenssache.  https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur-und-ki-vernunft-ist-auch-eine-herzenssache-16079038.html

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